Die jungen Jahre
von Hans-Joachim Weiß
In den Kriegswirren des 2.Weltkrieges erblickte ich als erstes Kind von Franziska und Johannes Weiß im Herbst 1943 in Beverstedt, Krs.Wesermünde im Haus einer Hebamme das Licht der Welt. Beverstedt liegt etwa 20 Km südöstlich von Bremerhaven entfernt. Mein jüngerer Bruder wurde 1946 dort ebenfalls geboren.

Was war das für eine Zeit? Aufgrund meines Alters habe ich von diesem Krieg natürlich nichts mitbekommen. Nach Aussagen meiner Eltern gab es wohl noch ausreichend Nahrung aber die Versorgung der Bevölkerung wurde zunehmend schwieriger. Die Wehrmachtstruppen in und um Stalingrad hatten bereits im Februar kapituliert und auf der Konferenz von Teheran vom 28.11.1943-01.12.1943 beschließen Stalin, Roosevelt und Churchill entscheidende Grundlagen einer europäischen Nachkriegsordnung.
Die ersten Erinnerungen beginnen bei mir so ca. mit 3 oder 4 Jahren. Unvergessen ist mir ein Großbrand in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung. Es war nachts und die grellen Flammen machten mir große Angst. In lebhafter Erinnerung sind mir die täglichen Toilettengänge auf ein sogenanntes "Plumsklo" auf dem Hof des Hauses. Der Sitz war so hoch, dass ich stets eine Fußbank mitnehmen musste. Lautstark fiel die "Schei..." in eine übelriechende Sickergrube. An einer gekalkten Bretterwand gab es einen rostigen Nagel an dem zurechtgeschnittene alte Tageszeitungen hingen; das war das Klopapier. Um an Brennmaterial zu kommen nahmen mich meine Eltern zum Torfstechen ins nahegelegene Moor mit. Mein Vater leistete sich den Luxus von Tabakpflanzen. Die Blätter wurden dann auf dem Speicher zum Trocknen wie auf einer Wäscheleine aufgehängt.

Nach Kriegsende fand mein Vater Arbeit als Tischler bei der Rickmerswerft in Bremerhaven. Der Arbeitsweg dahin mit einem klapprigen Autobus war so aufwendig und beschwerlich, dass meine Eltern 1948 beschlossen nach Wulsdorf (Stadtteil von Bremerhaven) zu ziehen. Zwei Jahre wuchs ich dort in einer Strasse mit dörflichem Charakter auf. In einem kleinen Garten machte ich Bekanntschaft mit Hühnern, Kaninchen und Gänsen, die es oftmals auf mein Hinterteil abgesehen hatten. Erste Spielkameraden waren die Nachbarskinder mit denen ich zwischen Misthaufen und Strohdachhäusern spielte. In Wuldorf begann auch im April 1950 in der Altwulsdorfer Schule meine Schulzeit: Auf einer Schiefertafel mit Kreide machte ich die ersten und manchmal recht unbeholfenen Schreibversuche. Bei den Hausaufgaben floss ab und zu eine Träne auf die Tafel und ich konnte wieder von vorne anfangen. Es war ätzend !

Wohl oder übel wurde ich 1952 Stadtkind. Meine Familie bekam eine größere Wohnung in der Goethestr. im Stadtteil Lehe von Bremerhaven. Das bedeutete für mich allerdings kein eigenes Kinderzimmer, nein, mit meinem Bruder musste ich ein kleines Zimmer auch noch mit meiner Großmutter teilen. Die Wohnung hatte keine Toilette (war auf dem Hof) und Oma hatte für alle Fälle immer den Emaille-Nachttopf unterm Bett. Und Oma ging jede Nacht auf den "Pott" und es stank....Ja, so war das.
Wie so vielen Menschen in der Nachkriegszeit waren auch meine Eltern finanziell nicht auf Rosen gebettet. "Vadder" musste hart arbeiten auf der Werft und brachte gerade mal so fünzig Mark nach Hause. Auch zu damaliger Zeit ging ein Viertel des Lohnes für Miete drauf, da blieb für Lebensmittel, Kleidung und von Spielsachen für die Kinder gar nicht zu reden, nicht viel übrig.. Zu Essen gab es Brot, Margarine, Kartoffeln, Haferflockenbrei, im Sommer frisches Gemüse und im Winter die eingeweckten Nahrungsmittel (Salzbohnen, Sauerkraut, Gurken u.s.w.). Erdbeeren, Kirschen, Äpfel und Birnen habe ich gemeinsam mit meinen Kumpels in den

Kleingärten und Parzellen geklaut. Wir wurden nie erwischt weil wir plietsch waren,hah,hah! In Bremerhaven die Ausnahme: Bananen und Fisch, zubereitet in allen möglichen Variationen, waren eigentlich immer verfügbar. Beides hing mir sehr bald zum Hals raus. Nicht vergessen möchte ich auch den täglichen Löffel Fischlebertran, den mir meine Mutter verabreichte. Der schmeckte mir wie "zum Kotzen". Versüßt wurde die Prozedur durch ein Bonbon danach. Erpressung?
Sonntag war dann ein besonderer Tag. Da gab es F l e i s c h ! Schweine- oder Rinderbraten, ein Pfund für fünf Personen. Ich war immer stinksauer über meinen Vater, der bekam natürlich das größte Stück. In der Keimzelle unseres Staates, der Familie, ging es also auch in den fünfziger und sechsziger schon "sozial ungerecht" zu. Vielleicht war das damals bei mir noch unbewusst, die Motivation in späteren Jahren in die Gewerkschaft und Partei einzutreten.
Trotz aller Einschränkungen, es war eben damals normal, und Hunger habe ich Gott sei Dank nie gelitten. Rückblickend war es eine schöne Kindheit. Die Jahre waren länger, der Sommer eigentlich immer sonnig und warm, der Weserdeich wurde nicht so oft gemäht, die Winter waren "knackigkalt".
Halt, es gibt noch was anzumerken. Die Zeit zwischen Weihnachten und dem nächsten Weihnachten war e n d l o s lang.....und ich wollte möglichst schnell erwachsen werden!