Die späteren Jahre
von Hans-Joachim Weiß

Nach Abschluss der Realschule 1960 sollte nun nach dem Willen meiner Eltern für mich der Ernst des Lebens anfangen. Das war leichter gesagt als getan. Obwohl mein Vater ein ausgezeichneter Handwerker war, wollte ich nicht in seine Fußstapfen treten. Schon in jungen Jahren stellte ich fest, dass das handwerkliche Geschick bei mir nicht sehr ausgeprägt war. Mit einer kaufmännischen Ausbildung konnte ich mich schon eher anfreunden.
In einer alteingesessenen Schiffsausrüstungsfirma im Fischereihafen in Bremerhaven begann meine berufliche Karriere - Ausbildungsziel "Großhandelskaufmann". Es waren drei harte Jahre. Rechte für Lehrlinge gab es seinerzeit noch nicht, ich hatte nur Pflichten und zwar reichlich. Die Ausbilder waren streng und unerbittlich. Was hatte ich davon? Eine grundsolide Ausbildung und am Monatsende, im ersten Lehrjahr, vierzig Mark Lehrlingsgehalt, überreicht mit einem Lohnstreifen in einer durchsichtigen Pergamintüte von meiner gestrengen Chefin. Es war selbstverständlich, dass ich mich für dieses noble Ritual auch noch bedanken musste.
Immer mehr beschlich mich das Gefühl ... das ist ja die reinste Ausbeutung und ich war der Ausgebeutete. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre bekam ich immer wieder zu hören. Auch diese Zeit überstand ich unbeschadet und das nächste "Abenteuer" wartete auf mich....

Das Vaterland rief mich. Dienst und Ausbildung an der Waffe bei der noch jungen Bundeswehr waren angesagt. Angenehmer Nebeneffekt dieser Pflichterfüllung war die Abnabelung vom Elternhaus. Meine dreimonatige Grundausbildung absolvierte ich bei einer Artillerie-Ausbildungskompanie in Lüneburg; so mancher Fluch kam über meine Lippen. Die restlichen eindreiviertel Jahre "diente" ich als Soldat auf Zeit bei der Raketenartillerie in einer Stabsbatterie in Dörverden (liegt zwischen Verden/Aller u. Nienburg/Weser). Diese zwei Jahre sind mir im Nachhinein in guter Erinnerung, geprägt durch Kameradschaft und das Erlernen vielfältiger sozialer Strukturen.
Auch die nächsten dreieinhalb Jahre meines Berufslebens ab 1966 hatten etwas mit Militär zu tun. Als Zivilangestellter bei den amerikanischen Stationierungsstreitkräften in Bremerhaven erlebte ich den Anfang des Container-Zeitalters. Es war eigentlich eine Tätigkeit als Schifffahrtskaufmann im Logistikbereich der US.Army. In diese Zeit fällt auch mein Eintritt in die Gewerkschaft (ÖTV). Schon bald danach wählten mich meine Kolleginnen und Kollegen in die Mitarbeitervertretung.

Es gab aber nicht nur den Beruf. Mitte der sechsziger Jahre war in Bremerhaven so richtig was los. Mit Freundinnen und Freunden bildeteten wir eine Riesenclique. Das "andere Geschlecht" wurde zunehmend interessanter und reizvoller. Wir hatten unser Stammlokal in Geestemünde (Stadtteil von Bremerhaven). Es gab wohl kein Wochenende, an dem wir nicht etwas gemeinsam unternommen haben.Auch in der Woche sahen wir uns häufig. Wie bei jungen Leuten so üblich, es ging feuchtfröhlich zu - manchmal mehr feucht als fröhlich.
Das Jahr 1969 sollte dann für mein weiteres Leben entscheidend werden. Bereits in jungen Jahren faszinierten mich Schiffe und vor allem Flugzeuge. Auch durch private Umstände bedingt, fand ich eine Anstellung bei der Deutschen Lufthansa AG in Düsseldorf und arbeitete dort im Cargo-Bereich. Nun konnte ich die Flugzeuge sogar täglich "anfassen". Schwer zu schaffen machte mir 1969 aber auch ein Unfall. Das erste mal in meinem Leben meinte es das Schicksal nicht gut mit mir.
Mit den körperlichen Behinderungen, entstanden durch eine Trümmerfraktur im Lendenwirbelsäulenbereich, muss ich noch heute leben. Mut, Willenskraft und bestimmt auch eine gehörige Portion Glück halfen mir relativ

schnell wieder, meine berufliche Tätigkeit fortzusetzen.
Die nächste Station bei Lufthansa war Hamburg. Erneut wurde ich als kaufmännischer Mitarbeiter im Frachtbereich am Flughafen eingesetzt. Endlich konnte ich mir auch den Traum von privaten Flugreisen erfüllen. Meine Reisen führten mich neben Zielen in Europa nach Nord- u. Südamerika, Afrika, Asien und Australien.
Neue Aufgaben warteten in der Lufthansa- Hauptabteilung "Revenue Accounting" in Norderstedt ab 1974 auf mich. Gewerkschaftliche Vertrauensleute und Betriebsratsarbeit kamen hinzu. Im Jahr 1975 wurde mein Sohn Malte in Hamburg geboren, ein echter Hamurger Jung`. Ab 1993 beziehe ich eine Erwerbsunfähigkeitsrente und schied somit bei der Lufthansa aus. Ich habe gerne in Hamburg gelebt und gearbeitet. Viele nette Kolleginnen und Kollegen sind mir noch heute in guter Erinnerung
Und wieder stand ein Ortswechsel bevor, 1994 ging es zurück nach Bremerhaven. Von der Weltstadt Hamburg in das doch etwas "provinzielle" Bremerhaven. Kann so etwas überhaupt gut gehen?
Die Antwort gibt es in
Teil drei meiner Biografie!