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Senioren und Ehrenamt

ein deutsch/spanischer Vergleich

Ein Seminar der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben (DGB/VHS) e.V., Bremen vom 03. bis 10. Dezember 2003 in Cádiz/Spanien.

Zu diesem Seminar waren Kolleginnen und Kollegen, die in Bremen und Bremerhaven gewerkschaftliche und andere Ehrenämter ausüben , eingeladen: sieben Teilnehmer und der Teamer Werner Riebe, Leiter der Sprachenschule CASA in Bremen. Werner spricht sehr gut spanisch und stand uns für die gesamte Zeit der Reise als Dolmetscher zur Verfügung.

Am Sonntag, vor Antritt der Reise, wurden die Teilnehmer (zwei Frauen und fünf Männer) von Gerd Scholz, dem Leiter von Arbeit und Leben, und Werner Riebe in der Villa Ichon auf Spanien und Cádiz eingestimmt. Geplant war dort in Cádiz die ehrenamtliche Arbeit von SeniorInnen in unseren Heimatländer zu vergleichen. Darüber hinaus sollten wir natürlich auch Land und Leute und ihre Lebensbedingungen kennen lernen.

Am Bremer Flughafen begann die Reise: zuerst nach Palma de Mallorca, umsteigen nach Malaga und von dort mit einem Mercedes-Vito Kleinbus an der Küste entlang nach Cádiz, wo wir am späten Abend in unserem Hotel ankamen.

Am Donnerstag, 04. 12. besuchten wir das "Centro Cultural de Populo" mitten in der Altstadt von Cádiz.. In dem angeblich ältesten Gebäude der Stadt (ca. 1500 Jahre alt) befinden sich zehn Werkräume, die über Treppen und enge Gänge zu erreichen sind. Dort werden die verschiedensten Kurse angeboten, wie z.B. Batik - Seidenblumen gestalten - Hinterglasmalerei - Ölmalerei - Sticken - Knüpfen - Nachhilfe in Mathematik - Computerunterweisung für Bürokommunikation und Betriebsorganisation - Restaurierungen. Überwiegend Frauen, Hausfrauen und Erwerbslose nutzen diese Angebote. Kursleiterinnen arbeiten ehrenamtlich gegen ein geringes Entgelt. Die Teilnehmer zahlen je nach Einkommen, aber insgesamt herzlich wenig Gebühren. Von der Stadtverwaltung wird die Einrichtung geringfügig subventioniert.



Am Abend besuchten wir die Sprachenschule "Melkart", eine Partnerschule von CASA in Bremen. Die Leiterin der Schule, "Peppi" und ihr Mann hatten einen Empfang organisiert mit typischen Tapas der Region. Dazu hatte sie örtliche Vertreter der Gewerkschaft UGT (Union General de Trabajadores) und ehemalige "Gastarbeiter" aus Deutschland eingeladen. Dank der zwei deutschen Praktikantinnen an der Schule, die als Dolmetscherinnen zur Verfügung standen, gab es keine großen Verständigungsprobleme mit den spanischen Gästen. Der Kollege Hans-Joachim Weiß (verdi-SeniorInnen Bremerhaven) überreichte dem spanischen Generalsekretär der UGT in Cádiz, Juan A. Diaz Lopez, eine Einladung für ein im August 2004 geplantes, internationales Europa-Seminar mit SeniorInnen in der verdi-Bildungsstätte in Undeloh.

Freitag hatten wir Zeit auf eigene Faust die Altstadt von Cádiz kennen zu lernen. Die vermutlich älteste Stadt Spaniens (135 000 Einwohner) wurde um 1000 v.Chr. unter dem Namen "Gadir" von den Phöniziern als Handelsniederlassung auf einer Halbinsel am Atlantik zwischen Gibraltar und der Grenze zu Portugal gegründet. Nur durch einen schmalen und neun Kilometer langen Damm ist die Stadt mit dem Festland verbunden.

Cádiz zerfällt strikt in zwei Hälften, die zusammengedrängte Altstadt mit seinen engen Gassen und die moderne Neustadt, die immer weiter auf die Landzunge mit ihrem endlosen Sandstrand ausgreift. Die Stadt ist geprägt durch Hafen und Werften, Fischverarbeitungsindustrie, Überseehandel und Passagier und - Fährverkehr. Auch "Airbus-Industries" ist hier mit einem Produktionsstandort vertreten.

Die schmalen Gassen mit ihren vielen kleinen Läden in der Altstadt lassen kaum Autoverkehr zu. Größere Geschäfte und Einkaufszentren befinden sich ausschließlich in der Neustadt. In den historischen Markthallen werden an festen Ständen heimisches Obst und Gemüse, Fleisch und Geflügel und vor allem Fisch und Meeresfrüchte in einer großen Vielfalt angeboten.

Am Abend hatten wir dann Gelegenheit eine Flamencoveranstaltung zu besuchen. In einer kommunalen Veranstaltungshalle begann gegen 23.00 Uhr eine zweieinhalbstündige Vorführung mit einer Gesangsdarbietung eines Sängers und Gitarrenbegleitung, während es dann im zweiten Teil mit zwei Tänzerinnen und einem Tänzer weiterging, mitreißend und sehr andalusisch.

Den ersten größeren Ausflug machten wir am Samstag. Wir fuhren östlich an der Küste entlang, über Chiclana, Vejer, Barbate und Zahara de los Atunes nach Tarifa, dem südlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Der seit Tagen anhaltende Regen trübte uns ein wenig die Aussicht aufs Meer. Von hier aus konnten wir dann in einer der wenigen Aufheiterungen über die Straße von Gibraltar, an dieser Stelle nur 13 Km breit, auf das afrikanische Festland schauen. Ein imposanter Ausblick!

Am Sonntag fuhren wir ins Landesinnere, um einige typische Landstädtchen, die sogenannten weißen Dörfer, kennen zu lernen. Die Route führte uns über Jerez nach Arcos, El Bosque, Grazalema, Ubrique und Alcala de los Gazules. Leider auch heute: Regen, Regen, Regen...

Montag, 08.12., ein Feiertag in Spanien: 25ter Jahrestag der demokratischen Verfassung nach dem Franco-Regime. In Cádiz, der Stadt mit den 166 Türmen, besuchten wir einen dieser Türme, den Torre Tavira. In diesem Turm befindet sich eine Kamera Obscura. Durch eine Dunkelkammer wird das Licht über einen Spiegel auf eine weiße Scheibe gelenkt und damit auch die Abbildung der Außenwelt. Mittels einer Drehung des Spiegels um 360 Grad ist das gesamte Panorama der Stadt sichtbar.

Ein für Dienstag geplantes Gespräch mit Cadizer Gewerkschaftlern im Gewerkschaftshaus der UGT musste leider wegen einer Terminüberschneidung abgesagt werden. Die von unserer Seminargruppe vorbereiteten Fragen haben wir am Nachmittag mit der Leiterin von "Melkart", die dankenswerterweise eingesprungen ist, erörtert. Im Einzelnen waren dies: Gewerkschaften haben in Spanien großen Einfluss auf das Sozialversicherungssystem. Für die drei Säulen, Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung werden über 25 % vom Lohn abgeführt. Dabei ist der Arbeitgeberanteil im Verhältnis zum Arbeitnehmeranteil prozentual deutlich höher. Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt, wie auch in Deutschland, bei 65 Jahren. Tatsächlich gehen die Beschäftigten aber schon mit etwa 56-58 Jahren, bei einem Rentenverlust von einem Monat pro vorgezogenem Jahr, in den Ruhestand. Durch den Arbeitsplatzabbau in der Werftenindustrie, dem Flugzeugbau und im Banken - und Dienstleistungsbereich kommt es mehr und mehr zu Frühverrentungen. Jährlich sollen die Renten an die Lebenshaltungskosten angeglichen werden, was aber faktisch zu großen "Problemen" führt.

Die Renten der Frauen sind durch die klassischen Familienverhältnisse sehr gering. Viele, vor allem ältere Frauen, sind auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen. In den städtischen Regionen ändern sich erst allmählich die Familienstrukturen. Betriebliche Renten sind so gut wie unbekannt und die Eigenvorsorge mit privaten Lebensversicherungen ist mangels finanzieller Mittel stark eingeschränkt.

Die Kosten der Lebensführung werden für eine dreiköpfige Familie auf etwa 1400 Euro geschätzt, wobei ca. 35 % für Mieten bzw. Eigentumswohnungen ausgegeben werden müssen. Weil die Mieten in den Städten sehr hoch sind, wird Wohneigentum angestrebt und auch öffentlich gefördert.

Im Gesundheitsbereich ist die ärztliche Behandlung für Pflichtversicherte kostenlos, bei Medikamenten werden 70 % Eigenbeteiligung gefordert. Für Rentner werden Medikamente kostenlos abgegeben. Seh - und Hörhilfen sowie Zahnersatz wird geringfügig bezuschusst.

Bei der kostenlosen stationären Krankenhausversorgung gibt es oftmals, von Notfällen abgesehen, lange Wartezeiten. Neben den kommunal betriebenen Krankenhäusern bieten auch private Kliniken ihre Dienste an.

Auf die hohe Arbeitslosigkeit in der Region wurde besonders hingewiesen. In Cádiz-Stadt beträgt sie 29%, eine der höchsten Quoten in Spanien. Besonders unter Jugendlichen ist sie sehr hoch. Deswegen gibt es starke Abwanderungstendenzen in die nördlichen Industriegebiete. Hauptarbeitgeber sind die angeschlagenen Werften und der Flugzeugbau, die Tabakindustrie, Fischerei - u. Fischverarbeitung, Handel und der Dienstleistungsbereich. Weil der Bezug von Arbeitslosenunterstützung nur für einen kurzen Zeitraum gewährt wird, sind viele auf die Unterstützung in der Familie angewiesen. Daneben ist infolge der knappen Arbeitsplätze die Schwarzarbeit weit entwickelt. Die Gewerkschaften sind in der Weiterbildung und Qualifizierung stark engagiert, um den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verbessern.

Auch ein Empfang im Rathaus gehörte am Dienstag zu unserem offiziellem Programm. Wir wurden durch einige sehr schöne Räume des Rathauses geführt. Der Stadtrat ist zu 80 % konservativ (Partido Popular) besetzt. Die offensichtlich sehr durchsetzungsfähige Bürgermeisterin Teofila Martinez Saiz regiert die Stadt mit einigen Problemen: Altstadtsanierung, Arbeitsplatzverluste, auch in Cádiz leerstehende Läden und Gebäude, hohe Arbeitslosigkeit und eine schwache Kaufkraft neben hohen Mieten in der Stadt.

Für den Abend war dann noch ein Besuch in einem kommunalen SeniorInnnen-Tagestreffpunkt angesagt. Mitten in der Altstadt in einem sehr schön gepflegtem, alten Gebäude mit überdachtem Patio waren auf drei Ebenen verschiedene Räume für Kantine, Cafe und Spielzimmer vorhanden. In einem PC-Labor können sich die SeniorInnen unter fachlicher Anleitung mit Computern und dem Internet vertraut machen.

Eine Spanierin, die lange Jahre in Frankfurt am Main gelebt und gearbeitet hat, konnte uns in deutscher Sprache die Einrichtungen der Tagesstätte schildern. Daneben berichtete sie von ihrer eigenen Situation, die beispielhaft für die in ihre Heimat zurück gekehrten

"Arbeitsmigranten" ist. Sie lebt von einer kleinen Rente aus Deutschland, die sie für 12 Jahre Arbeit als Raumpflegerin in der Frankfurter Kommunalverwaltung erworben hat und einer kleinen Rente aus Spanien, auf die sie Anspruch aus ihrer Zeit vor dem Aufenthalt in Deutschland hat. Für eine kleine Wohnung in der Altstadt von Cádiz (ca. 30 qm) muss sie eine hohe Miete zahlen. In den nächsten Tagen wolle sie nach Frankfurt fliegen, um die Weihnachtstage bei ihren in Deutschland lebenden zwei Söhnen zu verbringen.

Die SeniorInnen-Tagesstätte können sowohl Mitglieder als auch Nichtmitglieder kostenlos besuchen. Mitglieder zahlen einen geringen Beitrag. Die Preise in der Gastronomie sind sehr günstig. Ein Mittagessen kostet 2,70 Euro und ein Kaffee ist für 0,45 Euro zu haben. Die Tagesstätte bietet außerdem regelmäßige Ausflugsfahrten in die nähere Umgebung an.

Die Rückreise am Mittwoch über Tarifa und nochmals mit faszinierendem Ausblick auf die Straße von Gibraltar und das afrikanische Festland führte uns an total mit Hotels, Ferienappartements und Golfanlagen zugebauten Küstenstreifen vorbei. Über Marbella und Torremolinos erreichten wir den Flughafen von Malaga. Und wie zum Hohn zeigte sich Spanien wettermäßig von der angenehmen Seite: Strahlende Sonne und milde Frühlingsluft. Den Regen vergessen wir - das Seminar bleibt in guter Erinnerung. "Adios Espana!"

Text: Hugo Köser und Hans-Joachim Weiß

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