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Die Bounty als Schicksal

Ein Artikel aus Lufthansa Cargo's planet 2/2003

Sie liegt inmitten der Weiten des Pazifik zwischen Neuseeland und Amerika. Deswegen wählten die Meuterer der Bounty sie als Zuflucht: Die Mini-Insel Pitcairn wird noch heute von den Nachfahren Fletcher Christians bewohnt. Ohne Hafen und ohne Landebahn ist ihre Versorgung heute fast so schwierig wie vor 200 Jahren.

Als Dave die Lichter des Frachters am Horizont sieht, beginnt es hektisch zu werden auf der Insel. Ob das Schiff die Post mitnehmen kann? Über Kurzwelle willigt der Kapitän ein. Per Inseltelefon alamiert Dave seine 46 Mitbewohner. In Windeseile werden Päckchen gepackt, Briefe geschrieben. Wer weiß schon, wann das nächste Mal ein Schiff kommt - in vier, in sechs oder gar erst in acht Wochen?

1350 Meilen sind es bis Tahiti, gut 250 Meilen bis zum nächsten bewohnten Eiland, gelegen auf halbem Wege zwischen Panama und Neuseeland, die jeweils 4300 Meilen entfernt sind: Pitcairn zählt zu den entlegensten Flecken der Welt. Es gibt hier keinen Flugplatz, keinen Hafen, ja nicht einmal einen richtigen Strand.

Die ankommenden Schiffe ankern eine Meile vor der 4,6 Quadratkilometer kleinen Insel. Dort werden sie von den Insulanern mit ihren zehn Meter langen, kippeligen und motorbetriebenen "Longboats" aus Aluminium angesteuert. Häufig schauen die Dampfer ohnehin nicht vorbei. "Jedes Jahr gibt es nur drei Versorgungsschiffe", erzählt Leon Salt, der in Neuseeland residierende Bevollmächtigte von Pitcairn. Die Anreise von dort dauert acht Tage.

Pitcairn ist kaum mehr als ein Haufen Vulkanfels im Nirgendwo - und es war diese isolierte Lage, die die Insel einem als perfektes Versteck erscheinen ließ: Fletcher Christian, dem Chef-Meuterer der Bounty. Am 17. Januar 1790 landete Fletcher mit seinen Mannen auf der damals unbewohnten Insel. Aus Angst vor Entdeckung steckten sie das Schiff wenig später in Brand und kappten damit jede Rückkehrmöglichkeit. Heute ruht es zehn Meter tief auf dem Meeresgrund in der "Bounty Bay".

Die mehrfach verfilmte Geschichte ist allgemein bekannt: Von England aus segelte die Bounty 1788 nach Tahiti, um dort Brotfrucht-Schößlinge zum Weitertransport nach nach Jamaika zu laden. Nach zehn Monaten auf See unter dem autoritären und zuweilen selbstgerechten Kapitän William Bligh erschien den Seeleuten Tahiti nahezu wie ein Paradies.
Vor allem die Freizügigkeit der örtlichen Damenwelt hatte es ihnen angetan. Kaum wieder auf See, kam es unter Führung des Ersten Offiziers Fletcher Christian zur Meuterei: Bligh und 18 seiner Gefolgsleute wurden in einem kleinen Beiboot ausgesetzt. Ihre Rettungsfahrt schrieb Seegeschichte. Nach 3600 dramatischen Meilen erreichte die Gruppe die Insel Timor.



Die Bounty setzte erneut Kurs auf Tahiti. Von den 25 Rebellen blieben 16 dort - und endeten in einem britischen Gefängnis oder am Galgen. Die anderen, begleitet von Frauen und Männern der Insel, segelten unter der Führung von Fletcher Christian durch die Südsee auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf. Sie fanden Pitcairn. Jedes Jahr am "Bounty-Tag" erinnern die Insulaner mit der Verbrennung eines Schiffsmodells noch immer an die Landung ihrer Vorfahren. Ob Dave, der Funker, oder Steve Christian, der Bürgermeister fast alle stammen von den Rebellen ab.

Deren Sckicksal war nicht von Glück geprägt: Fletcher Christian starb wenige Jahre nach der Besiedelung. Streit und Krankheit dezimierten die Gruppe schnell. Lediglich einer der Meuterer führte ein langes Leben: John Adams, Namensgeber von Adamstown, der kleinsten Hauptstadt der Welt.

Seit dem Jahr 1838 ist Pitcairn Teil des britischen Empire, verwaltet wird die die 300 Meter hohe Pazifik-Insel aber von Neuseeland aus. Auf dem Weg von Auckland über den Panamakanal nach Europa stoppen die Containerschiffe vor Pitcairn für wenige Stunden ihre Maschinen. "Etwa 100 Kubikmeter Fracht werden jedes Mal mit Schwenkkränen verladen", berichtet John Salt. Meist Lebensmittel, aber auch Baumaterialien. Ist die See zu rau, muss die Versorgung schon mal bis zur Rückfahrt warten.

Luftfracht per Fallschirm
Und auch mit der Fracht geht nicht immer alles glatt. Vor kurzem erhielten die Pitcairner einen Traktor, nur leider ohne Vorderachse und ohne Räder. Diese Teile befanden sich in einem anderen Container, der nicht schnell genug vom Riesenfrachtschiff heruntergeholt werden konnte.

Nur ein einziges Mal wurde die Insel per Luftfracht bedient: Mit Fallschirmen warf die neuseeländische Luftwaffe einen Raupenschlepper über dem Sportplatz ab. Davon erzählen die Pitcairner noch heute.

Mittlerweile steuern auch mal Yachten oder vereinzelte Kreuzfahrtschiffe das Eiland an. Dann fahren die Insulaner mit ihren Longboats raus und verkaufen frisches Obst und handgeschnitzte Modelle der Bounty. Neben dem Verkauf der Insel-Briefmarken stellt dieser Handel eine der wichtigsten Einnahmequellen dar. Neuester Exportschlager ist jedoch der Honig der Marke "Mutineer's Dream". Preis der Rarität: 250 Gramm für vier US-Dollar.

Selbst auf Pitcairn bleibt die Zeit nicht stehen. Der holperige Weg, der mit einer Steigung von bis zu 30 Prozent von der Landestelle hinauf auf den "Hill of Difficulty" nach Adamstown führt, soll befestigt werden. Auch der Bau einer Landebahn für Kleinflugzeuge ist im Gespräch, um der anhaltenden Inselflucht entgegenzuwirken. Wie aber sie finanzieren?
Findige Pitcairner stießen dabei auf John Buffet; einen amerikanischen Millionär. Gab es da nicht mal einen Schiffszimmermann, der sich 1823 auf der Insel niederließ, und der John Buffet hieß? Jetzt wird fieberhaft nach Verbindungslinien gesucht.


Aus Lufthansa Cargo's planet 2/2003
The Global Logistics Journal

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